Querdenken 361: „Vertraue der Strategie”

Während der ehemalige Sprecher von „Querdenken 361“ lautlos von der Bildfläche verschwunden ist, hat sich die Erfurter Lokalgruppe zu einem Mittelpunkt für die Vernetzung rechtspopulistischer Gruppen entwickelt. Für den 12. Dezember möchte sie 3.000 Menschen auf den Erfurter Domplatz mobilisieren.

Teilnehmende von „Querdenken 361" auf dem Erfurter Domplatz
Am vergangenen Samstag folgten etwa 400 Menschen dem Demonstrationsaufruf verschiedener Thüringer Gruppen - darunter auch "Querdenken 361". Foto: Michael Weiland
Noah Berendt

Noah Berendt

Journalist @demo.report

Der ehemalige Sprecher der Erfurter Lokalgruppe von „Querdenken 361“, Arno N., ist nahezu spurlos verschwunden. Seine Nähe zu extrem rechten Akteuren und seine teilweise rassistischen Aussagen dürften dafür allerdings nicht der alleinige Grund gewesen sein. Vielmehr ist es wohl seinem autoritären Führungsstil zu verdanken, dass er seit dem 24. November kein Mitglied mehr von „Querdenken 361“ ist. Zuletzt sorgte er in Leipzig am 21. November für Aufsehen. An diesem Tag kündigten vor allem Thüringer Initiativen an, unangemeldet in Leipzig demonstrieren zu wollen, um gegen die Anti-Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zu protestieren. Dazu aufgerufen hatte auch Arno N., der in der ersten Reihe stand. „Wenn Sie nicht wollen, dass das eskaliert, dann machen Sie jetzt die Straße frei“, faucht Arno N. die Polizist:innen an, als diese ihm und zahlreichen Anderen den Weg versperren, „ich sage Ihnen jetzt, was Sie zu tun haben, weil ich Teil des Volkes bin und ich vertrete diese Leute.“

N. inszeniert sich gerne als Anführer. Bereits zwei Wochen zuvor, am 7. November, forderte er die Teilnehmenden der bereits aufgelösten Versammlung gegen die Anti-Corona-Maßnahmen in Leipzig dazu auf, trotz Verbot mit ihm „über den Ring zu gehen“. Noch am gleichen Abend überrannten Protestierende, darunter auch Neonazis, die Polizeiketten. 

Der ehemalige „Oberquerdenker" Arno N. in Leipzig.
Der ehemalige Sprecher von „Querdenken 361" am 21.11. in Leipzig mit einem Megafon in der ersten Reihe. Foto: Michael Weiland

Doch zu einer Leitfigur gehört auch eine Anhänger:innenschaft, die sich N. über mehrere Monate in Erfurt aufgebaut hatte. Als „unser Oberquerdenker“ bezeichnete ihn Stefan Hampel, der heute Ansprechpartner von „Querdenken 361“ ist und Veranstalter der  Demonstration am vergangenen Samstag auf dem Domplatz war. Doch offenbar ist der Oberquerdenker nun von seiner Anhänger:innenschaft fallen gelassen worden. Sein Abgang ist jedoch wenig überraschend: Schon länger war zu beobachten, dass Arno N. wegen seines Führungsstils in der Kritik stand – jedoch nicht wegen seiner Wortbeiträge.

Er war nicht nur Sprecher von „Querdenken 361“, sondern auch Initiator. Noch im Juni trat N. als Moderator bei Veranstaltungen von Enrico Krause auf. Krause, ehemaliger Parteileiter der neonazistischen Kleinstpartei „Die Rechte“ in Thüringen, organisierte zu diesem Zeitpunkt die Veranstaltungen in Erfurt, die sich gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie richteten. Auf unsere Nachfrage, wie die beiden sich kennengelernt haben, erklärt Krause, dass N. bei einer seiner Veranstaltungen auf ihn zugekommen sei und ihm seine Visitenkarte in die Hand gedrückt habe. Sie stünden bis heute miteinander in engem Kontakt – auch, weil sie die gleichen Ansichten teilten. Unter anderem seien beide davon überzeugt, dass Deutschland kein souveräner Staat sei.

Allerdings hat N. immer wieder gegen die Auflagen der Erfurter Versammlungsbehörde verstoßen. „Er hat zu Spaziergängen aufgerufen, obwohl die Versammlungsbehörde das verboten hatte. Als Versammlungsleiter habe ich immer die Konsequenzen tragen müssen bis ich gesagt habe, dass das so nicht mehr weitergeht“, erklärt Krause. Daraufhin habe N. seine eigene Bewegung gründen wollen und schließlich einen Antrag bei „Querdenken 711” gestellt für eine gleichnamige Lokalgruppe unter seiner Leitung. Am 15. August trat die Gruppe um N. zum ersten Mal als „Querdenken 361” in Erscheinung.

Auch Marcel S. kennt die Person Arno N.: Er selbst hat an den ersten Demonstrationen in Erfurt teilgenommen. In seinem Namen wurde am 30. August eine Pressemitteilung der Erfurter Querdenker:innen vom verfasst, die auch von „Querdenken 711“, der übergeordneten Initiative, unterschrieben wurde. Darin wird N. von seiner Aufgabe als Sprecher der Lokalgruppe entbunden, da er mit seinem Posten „seine persönlichen Ziele“ zu verfolgen scheine. Dieser „bindenden Entscheidung“ ist Arno N. jedoch nicht nachgekommen. Kritiker:innen aus der Telegram-Gruppe von „Querdenken 361” wurden von ihm entfernt. Heute trägt die Telegram-Gruppe den Namen  „Austausch – Querdenken (361 ERFURT)” und umfasst rund 660 Mitglieder. Arno N. ist dort immer noch Administrator. Marcel S. erklärt demo.report schriftlich, er sei von N. sofort aufgrund von „Kritik bezüglich des aggressiven, spalterischen Auftretens von N. und seiner Tolerierung von Reichsfahnen“ blockiert worden. Zudem vermuteten er und andere Mitstreiter:innen, die er bei den Demonstrationen kennengelernt habe, dass N. „Verbindungen ins ultrarechte Milieu“ pflege. Teil von „Querdenken 361“ sei S. jedoch nicht. 

Die Verbindungen der Erfurter Querdenken-Gruppe ins rechte Milieu lassen auch Recherchen von demo.report durchblicken. So soll N. eine Person mit Kontakt in die Neonazi-Szene gefragt haben, ob diese ihm Mitglieder vom „III. Weg“ vermitteln könne, als sogenannte „Personenschützer“. N. befürchtete demnach Angriffe aus dem linken Gegenprotest. Außerdem soll er versucht haben, bei der AfD einen Mitgliedsantrag einzureichen. Dies berichtete uns eine Person aus N.s Umfeld. Zu diesen Vorwürfen wollte N. trotz wiederholter Nachfragen von demo.report keine Stellung beziehen.

Dass „Querdenken 361“ jedoch mehr als bloß die Abschaffung der Corona-Maßnahmen fordert, wird mit einem Blick auf einen Forderungskatalog der Lokalgruppe deutlich. In Punkt neun von zwölf wird ein „Friedensvertrag“ gefordert. Diese rechtsextreme Reichsbürgererzählung geht davon aus, dass Deutschland immer noch ein besetztes Land sei. Auch von einem „sofortigen Stopp der Zuwanderung in unsere Sozialsysteme“ ist die Rede. Auf schriftliche Nachfrage bei Stefan Hampel, ob diese Liste immer noch Bestand hat, teilt der Organisator von „Querdenken 361“ mit, man werde die Punkte nochmal prüfen und gegebenenfalls an die „politische Lage und gesellschaftliche Entwicklung“ anpassen. Von Abgrenzung also keine Spur. Auch zu dem plötzlichen Verschwinden Arno N.s wollte Hampel mit Verweis auf „interne Gründe“ keine Auskunft geben. Stattdessen organisiert Hampel zusammen mit anderen Thüringer Initiativen die nächste große Demonstration für den 12. Dezember. Diesmal soll es groß werden: Angemeldet seien laut Hampel 3.000 Menschen. Dass eine Anmeldung zu einer Standkundgebung vorliege, bestätigt uns auch der Erfurter Pressesprecher. Ein Mitglied der Telegram-Gruppe, dem die Proteste zu lasch sind, versucht Hampel mit den Worten „vertraue der Strategie, freue dich auf den 12.12.” zu beschwichtigen. Was genau die Strategie ist und welche Gruppen sich an dem Protest beteiligen werden, dazu möchte sich Hampel nicht äußern.

Stefan Hampel von „Querdenken 361" und Ina B. von „Erfurt zeigt Gesicht" auf dem Erfurter Domplatz.
Stefan Hampel von „Querdenken 361" und Ina B. von „Erfurt zeigt Gesicht" am vergangenen Samstag auf dem Domplatz in Erfurt. Foto: Michael Weiland

Mit Blick auf die mobilisierenden Initiativen wird schnell klar, welches Klientel sich beteiligen wird. Dazu gehören vor allem rechtspopulistische Gruppen wie „Erfurt zeigt Gesicht“, die der AfD nahesteht und bereits Veranstaltungen mit PEGIDA-Rednern in Erfurt organisierte. Aber auch „Mut zur Wahrheit“, zu deren Veranstaltungen bereits der Neonazi und ehemalige NPD-Stadtrat Tommy Frenck aus Hildburghausen aufrief, oder extrem rechte Gruppierungen wie der „Patriotische Widerstand Deutschland Sachsen/Thüringen“ um den bereits erwähnten Enrico Krause. Das Logo von „Querdenken 361“ taucht in den Aufrufen zu den kommenden Demonstrationen nicht mehr auf.

Allem Anschein nach ist die Bewegung in Erfurt Mittelpunkt eines Sammelbeckens geworden, in dem sich rechtspopulistische Bewegungen aller Couleur versuchen zu vereinen. Die gemeinsame Ablehnung der Corona-Maßnahmen ist zu einer zentralen Schnittmenge der Gruppen geworden und lässt Rechtspopulist:innen in Thüringen neue Hoffnung schöpfen. 

Enrico Krause rechnet für die kommende Veranstaltung mit deutlich mehr als 3.000 Teilnehmenden und zieht bereits Parallelen zu den vergangenen Demonstrationen von Leipzig mit tausenden Teilnehmenden. Auch AfD-Politiker:innen würden seiner Aussage nach dafür mobilisieren. Die Frage, ob es wie in Leipzig zu unangemeldeten „Spaziergängen“ kommen wird, lässt er offen. Auch, ob sich die Geschehnisse rund um Leipzig  am 12. Dezember in Erfurt wiederholen werden , bleibt äußerst fraglich. Dennoch ist eine Strategieänderung  der Lokalgruppe von „Querdenken 361“ in Thüringen klar erkennbar. Die Unzufriedenheit mit den Corona-Maßnahmen hat nicht nur einige Menschen in eine verschwörungsideologische Ecke gelockt, sondern auch rechtspopulistischen Parteien und Organisationen neue Anknüpfungspunkte gegeben. In Thüringen ist zumindest die Gruppe „Querdenken 361“ zu einem wichtigen Verbindungselement geworden. Der Domplatz, wie bereits bei den AfD-Demonstrationen 2015, soll zu ihrer Bühne werden.

Update vom 15.2.2021:
In einer früheren Fassung des Artikels haben wir geschrieben, dass Marcel S. die Pressemitteilung vom 30. August selbst mitverfasst habe. Tatsächlich hat S. lediglich seinen Namen zur Verfügung gestellt. Geschrieben wurde die Pressemitteilung mutmaßlich von Stephan Bergmann, dem damaligen Pressesprecher von „Querdenken 711″.

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